17. ALS Akademie PDF Drucken E-Mail

Dr. Raffi Bekeredjian referierte am 11.04.2005 über:

 

Biotechnologie in der Herzforschung

 

 

 

Dr. Raffi BekeredjianAm 11. April dieses Jahres berichtete im Rahmen der ALS-Akademie Dr. Raffi Bekeredjian vom Uni-Klinikum Heidelberg über seine Forschungen zur medikamentösen Behandlung kardiologischer Erkrankungen.
Der Abiturient der Alten Landesschule Korbach wurde in diesem Jahr mit dem Nachwuchsförderpreis BioFuture des Bundesministeriums für Bildung und Forschung ausgezeichnet.

Schulleiter Robert Gassner konnte zu diesem 17. Vortrag aus der Veranstaltungsreihe der ALS-Akademie über 200 interessierte Zuhörer im Musiksaal der Alten Landesschule begrüßen.

 

 

Der in Korbach aufgewachsene Arztsohn legte sein Abitur 1992 an der ALS ab, studierte in Göttingen und Heidelberg, promovierte 2000 magna cum laude mit „Experimentelle und klinische Untersuchungen zur Erfassung von Gefäßdimensionen und Gefäßdynamik mittels intravasalem Ultraschall“. Nach zwei Jahren Forschung an der University of Texas/USA kehrte er im Juli 2004 an die Ruprecht-Karls-Universität nach Heidelberg zurück und arbeitet als Assistenzarzt in der Abteilung für Kardiologie, Pulmonologie und Angiologie.
Über sein Arbeitsgebiet schreibt der 32 Jahre alte Medizinforscher für die WLZ:
„Als Pumpe für das Blut ist das Herz ein zentrales Organ im Menschen. Die wesentlichen Erkrankungen des Herzens ergeben sich aus den verschiedenen Komponenten, welche die Funktion dieses Organs ausmachen. So können die Herzklappen durch eine Verengung oder Undichtigkeit ihre Funktion als Ventile verlieren, der natürliche Schrittmacher des Herzens verlangsamen, die Kraft des Herzmuskels oder die Blutversorgung des Herzmuskels durch die Herzkranzgefäße abnehmen.
Das Letztgenannte stellt die wohl wichtigste Erkrankung des Herzens dar, die koronare Herzerkrankung. Dies ist nicht nur die wichtigste Erkrankung dieses Organs, sondern auch die Haupt-Todesursache in den industrialisierten Ländern. In den letzten Jahrzehnten wurden daher viele neue Therapie-Formen in der Medizin entwickelt, welche speziell auf die koronare Herzerkrankung abzielen.
So können heute beim akuten Herzinfarkt durch einen Eingriff im (mit?) Herzkatheter sowie durch diverse Medikamente die Überlebenschancen deutlich verbessert werden. Allerdings bleibt diese Erkrankung weiterhin die tödlichste in unserer Gesellschaft, nicht zuletzt durch die selbst zugefügten Risiken wie unausgewogene Ernährung, Bewegungsmangel und insbesondere das Rauchen.
Daher wird in der Herzforschung an vielen neuen Behandlungsmöglichkeiten gearbeitet, die die Therapieoptionen erweitern sollen. Hierzu gehört auch eine Fülle an biotechnologischen Ansätzen, von denen hier eine exemplarisch dargestellt werden soll: In der Ultraschall-Diagnostik haben sich seit einigen Jahren Ultraschall-Kontrastmittel für eine verbesserte Darstellung bestimmter Strukturen bewährt.
Diese Ultraschall-Kontrastmittel bestehen aus kleinen Bläschen (Micro-Bubbles), die gefüllt sind mit einem Gas und kleiner sind als rote Blutkörperchen.
Wegen ihrer Gasfüllung sind sie in der Lage, Ultraschall zu reflektieren. Zusätzlich können sie durch Ultraschall hoher Energie zum Platzen gebracht werden. Diese Eigenschaft kann genutzt werden, um Substanzen in den Bläschen verpackt zu transportieren und an einem gewünschten Ort durch Ultraschall freizusetzen. Solche Substanzen können Medikamente sein, aber auch Genträger (z.B. DNA oder Viren), welche für eine Gentherapie genutzt werden können.
In verschiedenen Studien konnte gezeigt werden, dass diese Technik in der Lage ist, in hohen Konzentrationen solche Substanzen im Herzen freizusetzen, ohne dass andere Organe ebenfalls hohe Konzentrationen abkriegen würden. Das erlaubt den Einsatz neuer Medikamente, die  bei Wirkung im gesamten Körper  zu hohe Nebenwirkungen hätten und daher bislang nicht benutzt werden durften.
Für die koronare Herzerkrankung ist beispielsweise das Wachstum neuer Blutgefäße, also das Ersetzen oder Überbrücken verengter Herzkranzgefäße, ein viel versprechendes Ziel. Diesen Vorgang, der als Angiogenese bezeichnet wird, kann man durch verschiedene Proteine anregen. So ist es möglich, entweder direkt ein Protein in den Herzmuskel zu bringen oder über Gentherapie das Protein im Herzen zu produzieren.
In jedem Fall ist allerdings ein gezielter Einsatz im Herzen nötig, ohne eine Angiogenese in anderen Organen mit anzuregen. Die beschriebene Technik mit den Bläschen und dem Ultraschall bietet die Möglichkeit, genau diese Vorgabe zu erfüllen und somit eine neue Therapieoption für die koronare Herzerkrankung zu bilden. Weitere Studien in den nächsten Jahren werden allerdings erst beweisen müssen, dass dieser Vorgang mit einer ausreichenden therapeutischen Effizienz möglich ist, bevor er in die klinische Routine Eingang finden kann“.

Nach dem lang anhaltenden Beifall bestand Gelegenheit, Fragen zu stellen. Von dieser Möglichkeit machten die Zuhörer, viele davon medizinische „Profis“, regen Gebrauch. Teile der Diskussion sollen hier in Form von Frage (F) und Antwort (A) wiedergegeben werden:

F: Für wann halten Sie eine praktische Anwendung für möglich?
A: Bis zur ersten klinischen Erprobung könnten noch ca. fünf Jahre vergehen.
 

F: Wird ein Katheter für die Einbringung der „Medikamenten-Bläschen“ benötigt?
A: Nein, das Einbringen erfolgt intravenös, die Konzentration an der „beabsichtigten“  Stelle ist ausreichend.
 

F: Gibt es Risiken, kann z.B. die Zerstörung der Micro-Bubbles das Gefäß selbst gefährden?
A: Das ist nicht zu erwarten, der Ultraschall selbst ist kein Risiko.
 

F: Gibt es bereits Tierversuche?
A: Ja
 

F: Kann es nach dem Zerplatzvorgang „sofort weitergehen“?
A: Man muss ca. fünf Herzschläge abwarten, dann ist wieder Sättigung mit Micro-    Bubbles erreicht. Die geschätzte Dauer der einzelnen Behandlungen wird ca. 20 Minuten erfordern, mit letzter Sicherheit ist dies für den Menschen noch nicht vorherzusagen.
 

F: Was passiert mit den nicht zerstörten Micro-Bubbles?
A: Sie werden vom Körper gewissermaßen „verdaut“ und dann „ausgeatmet“.
 

F: Sind EKG-Veränderungen beobachtet worden?
A: Nein
 

Weitere Fragen bezogen sich auf das Studium der Medizin im allgemeinen und auf die Forschungsumstände hier und in den USA.

Um 20.45 Uhr beendete der Veranstalter einen informativen und spannenden Abend.

WLZ / Friedhelm Brand