15. ALS Akademie PDF Drucken E-Mail

Mathias Vollbracht referierte am 18.11.2004 über:

 

Medienberichte und ihre Wirkung

 

 

Mathias VollbrachtKORBACH (heu). Matthias Vollbracht, der 36-jährige Sohn eines ehemaligen ALS-Lehrers, stellte in der Akademie der Alten Landesschule die Arbeitsweise des Bonner Instituts „Medien Tenor“ vor. Anhand praktischer Beispiele versuchte er die Frage zu beantworten, wie mächtig die Medien wirklich sind.

Ausgangspunkt seines Referats war die Frage, warum nutzen Menschen Medien überhaupt? Als Antworten ergaben sich: zur Unterhaltung, zur Information, bei Jugendlichen zur Gruppenidentitätsbildung und zur sozialen Orientierung sowie zur Auseinandersetzung mit aktuellen Themen. Kinder wollen vor allem Spannung, Spaß und Wissenserweiterung, benutzen die Medien aber auch zum Eskapismus, zur Flucht vor der Realität in eine imaginäre Scheinwirklichkeit zudem wollen sie das Bedürfnis befriedigen, mitreden zu können.

Konsum kann beeinflussen
Medienkonsum kann die Handlungen des Einzelnen direkt beeinflussen (die so genannten Nachahmungseffekte). Außerdem schaffen Medien neue Realitätsfelder, indem sie vorgeben, welche Themen wichtig sind und welche Werte „in" beziehungsweise „out" sind. Sie können aber auch die Sprache und das Ausdrucksvermögen beeinflussen. Die so genannte Agenda-Setting-Theorie besagt als Erklärungsansatz für die Wirkung der Medien, dass von drei Grundannahmen auszugehen ist:
• Es gibt eine Rangordnung der Wichtigkeit von Themen in der Berichterstattung, genannt Medien-Agenda.
• Es gibt eine Rangordnung der Wichtigkeit von Themen in der Bevölkerung, genannt Public-Agenda.
Die beiden Agenden können miteinander verglichen werden.

Kein Spiegel der Realität
Bei diesem Vergleich lässt sich der Grad der Beeinflussung der Bevölkerungsmeinung durch die Themen in der Berichterstattung feststellen. Allerdings ist die Medienrealität kein direkter Spiegel der Wirklichkeit, dennoch wirken beide zusammen und schaffen eine neue Blickrichtung auf die Dinge, so dass man sagen kann, was nicht in den Medien ist, ist auch kein Thema großer öffentlicher Diskussion. Zuweilen klaffen jedoch Berichterstattung und Realität weit auseinander.
Wie weit beispielsweise die Berichte der Fernsehnachrichten über bestimmte Themen, wie den Irak-Krieg oder die Präsidentenwahl in den USA, die Einstellung der Zuschauer beeinflussen, lässt sich durch gezielte Medieninhaltsanalyse und Bevölkerungsbefragung relativ genau ermitteln. Allerdings zeigt sich bei diesen beiden Beispielen ebenso, wie unterschiedlich die Schwerpunkte in den amerikanischen und den deutschen Medien von den jeweiligen Journalisten gewählt wurden: Antikriegshaltung auf deutscher und Patriotismus auf amerikanischer Seite.

Nicht allmächtig
Als Fazit und Antwort auf die Frage nach der Macht der Medien lässt sich nach den Worten von Vollbracht folgendes Grundsätzliche sagen: Medien haben Einfluss, sind aber nicht allmächtig;
ihre übermittelten Inhalte sind immer Ergebnis einer bewussten Entscheidung der Medienschaffenden. Entscheidend jedoch ist, Medien bestimmen nicht so sehr, wie gedacht, sondern worüber nachgedacht oder auch nicht nachgedacht wird - je nach Agenda-Setting (Präsentation) und Agenda-Cutting (Weglassen).
Schulleiter Robert Gassner hatte sicher Recht, als er am Ende des Referates von Matthias Vollbracht bemerkte, dieser Abend sei eine Sternstunde der ALS-Akademie in diesem Jahr gewesen. Lang anhaltender Beifall dankte dem Referenten für einen Vortrag der besonderen Art.

Institut für Analyse
Vollbracht legte sein Abitur in Korbach 1987 ab, studierte Volkswirtschaft und Kommunikationswissenschaft, war zeitweise als Wirtschaftsjournalist tätig und dann am Aufbau des privatwirtschaftlichen Instituts für Medienanalyse „Medien Tenor" mit Sitz in Bonn beteiligt. Er ist derzeit als Redakteur für den Bereich Wirtschaftsanalyse verantwortlich.
Das 1994 auf Initiative des Instituts für Demoskopie Allensbach (Prof. Noelle-Neumann) gegründete Institut hat es sich zur Aufgabe gesetzt, kontinuierlich die meinungsführenden deutschen und ausgewählte internationale Medien mit Hilfe eines sozialwissenschaftlichen Verfahrens einer Inhaltsanalyse zu unterziehen. In monatlich erscheinenden Forschungsberichten werden die Ergebnisse der Untersuchung der Öffentlichkeit vorgestellt. Die über 200 Mitarbeiter verteilen sich auf Büros in Bonn, Berlin, London, New York, Pretoria und Zürich.