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Julia Koch referierte am 26.04.2004 über:

 

PISA und die Medien: Bildung hat neuen Stellenwert

 

 

 Julia KochJulia Koch, Abiturientin des Jahrgangs 1991 an der Alten Landesschule, inzwischen leitende Wissenschaftsjournalistin beim Nachrichten- magazin Der Spiegel, griff in der ALS-Akademie bei Ihrem Vortrag "PISA und die Medien" ein Thema auf, dass auch heute, (drei Jahre nach Erscheinen der OECD-Studie zum internationalen Schulleistungsvergleich in Deutschland, die Gemüter bewegt. Sie fragte nach den Intentionen des weltweiten Tests, dem Interesse der Medien an den Ergebnissen sowie nach den Folgen für die Bildungspolitik und wies auf die weiteren Untersuchungen in Mathematik und Naturwissenschaften hin.

PISA (Programme for International Student Assessment) ist inzwischen beim Volk der Dichter und Denker zum Synonym für Bildungsmisere geworden und nicht mehr die Bezeichnung eines historischen Gebäudes in Italien. Es handelt sich dabei um die größte internationale Schulleistungsuntersuchung, die es je gab. In Deutschland wurden 5000 Schüler an 219 Schulen - auch die ALS war dabei - getestet und weitere 50.000 Schüler als Ergänzung der Studie für einen Vergleich der Bundesländer untereinander.

Schwerpunkt des Tests war die Ermittlung der Lesekompetenz 15-Jähriger aller Schulformen am Ende der Pflichtschulzeit, wobei die deutschen Jugendlichen alarmierende Defizite aufwiesen und im „Ranking", der Platzierung, unter 33 Nationen nur den 21. Platz erreichten. In Mathematik und in den Naturwissenschaften, wo die Grundbildung ebenfalls getestet wurde, langte es ebenfalls nur zu einem mageren 20. Platz.

Es ging bei dem Test nicht um Wissen in Deutsch, sondern um die Frage, wie gehen Schüler mit Wissen um, das heißt, wie groß ist ihre Fähigkeit, aus Texten wichtige Informationen zu gewinnen. „Reading Literacy"- war gefragt, ein im Deutschen schwer zu übersetzender Fachausdruck. Er bedeutet: erstens Informationsgewinnung, zweitens Interpretation und drittens Abgleich mit der Wirklichkeit. Kurz: Es sollte ermittelt werden, wieweit Schüler für die Wissensgesellschaft von morgen vorbereitet sind.

Bis heute aktuell geblieben

Erschreckend für deutsche Pädagogen und Wissenschaftler war vor allem der mit 23 Prozent ungewöhnlich hohe Anteil schwacher bzw. extrem schwacher Leser im Industriestandort Deutschland - darunter zehn Prozent, die simple Texte überhaupt nicht verstehen können. Das wirft ein äußerst schlechtes Licht auf das deutsche Schulsystem. Ein weiteres wichtiges Ergebnis: In kaum einem Land sind soziale Herkunft und Schulerfolg so eng gekoppelt wie in Deutschland.

Ungewöhnlich groß war das Medieninteresse an den Ergebnissen der PISA-Studie, die bis heute aktuell geblieben ist - allein schon deshalb, weil schlechte Nachrichten für die Medien interessanter sind als gute („bad news is good news"). Im Übrigen sei, so Julia Koch, der Aufschrei der Medien nirgendwo so groß gewesen wie in Deutschland, wo frühere Studien wie zum Beispiel die TIMMS-Studie (Third International Mathematics and Sience Study), bei der es um das Produzieren von Lösungen und das Anwenden von Formeln ging, für wenig Aufregung gesorgt hätten. Genauso interessant wie die Ergebnisse sei jedoch für die Presse auch gewesen, wer sie zuerst herausbringen würde, nachdem bereits Tage zuvor wesentliche Ergebnisse durchgesickert waren. In Nr. 40 vom 10. Dezember 2001 brachte dann Der Spiegel in der Titelgeschichte »Sind deutsche Schüler doof?" eine eingehende Präsentation mit Hintergrundanalysen der Gesamt- problematik.

Wie reagierte die politische Öffentlichkeit auf den PISA-Schock? Neben den massenhaft einsetzenden Wallfahrten nach Finnland, das am besten abgeschnitten hatte und darüber nicht wenig überrascht war, überboten sich die Parteien mit einer Flut von Lösungsansätzen, denn kein Bildungspolitiker konnte es sich leisten, hier zu schweigen.

Reformprojekte angestoßen

Eine gewisse Ablenkung von der grundsätzlichen Misere bot nach Ansicht von Julia Koch das Ranking der deutschen Bundesländer im Jahr 2002, bei dem Bayern, und Baden-Württemberg am besten und Bremen am schlechtesten abschnitten, während die Stadtstaaten Hamburg und Berlin sich erst gar nicht beteiligten.

Konkret ergaben sich als Konsequenz aus dem schlechten Abschneiden der deutschen Schüler inzwischen eine Reihe von Reformprojekten, wie die Forderung nach Ganztagsschulen, wozu die Bundesregierung vier Milliarden Euro bereitgestellt hat, die Erstellung von Bildungsstandards durch die Kultusministerkonferenz, die Einrichtung von Sprachkursen für die Vorschulkinder, vor allem für Aussiedler- und Migrantenkinder, sowie die Einsicht, dass die Kindergärten eine gezieltere Vorbereitung auf den Schulunterricht wahrnehmen müssen.

Auch die Diskussion um die Gesamtschule, die Regelschule in den erfolgreichen nordischen Ländern, flammt gelegentlich wieder auf, so beispielsweise in Nordrhein-Westfalen. Insgesamt, so das Fazit der Referentin, habe sich in den Medien die Wahrnehmung von Schule verstärkt und das Thema Bildung einen neuen Stellenwert erhalten.

Mehr als nur Kosten

In der sich anschließenden ausgedehnten Diskussion mit und unter den etwa 80 Teilnehmern an der zwölften ALS-Akademie wurden einzelne Punkte des Referats vertieft, aber darüber hinaus von den interessierten Eltern und Pädagogen auch viele grundsätzliche Bildungs- und Erziehungsfragen angesichts der veränderten gesellschaftlichen Verhältnisse angesprochen, ohne dass immer befriedigende Antworten gefunden werden konnten. Zudem machte die Journalistin klar, dass es nicht das primäre Anliegen der Presse sei, das Bildungssystem zu verändern oder den Lehrern Ratschläge zu erteilen, sondern zu informieren und zu analysieren. Allen wurde jedoch deutlich, dass für die Schulbildung in Deutschland, dessen Ressourcen vor allem aus Bildung bestehen, Investitionen in diesem Bereich vermehrt und endlich nicht mehr nur als Kosten angesehen werden müssen. Schulleiter Robert Gassner, der Initiator der ALS-Akademie, der auch die Diskussion geleitet hatte, dankte der ehemaligen Schülerin Julia Koch.

Durch ihr Referat sei der Wert der Bildung in unserer so materiell ausgerichteten Gesellschaft erneut bewusst geworden. Den nächsten Vortrag kündigte er für den 17. Mai mit Prof. Dr. Martin Zenke zum Thema Stammzellenforschung an.

Von Konrad Heuser, aus der WLZ vom 7.5.04