10. ALS Akademie PDF Drucken E-Mail

Brigadegeneral Gertmann Sude referierte am 20.11.2003 über:

 

Die Bundeswehr im Wandel der Zeit - persönliche Erfahrungen seit 1968

 

Gertmann Sude"Vom Hohen Meißner zum Hindukusch, von der Landesverteidigung zur Terrorismusbekämpfung - 55 Jahre Bundeswehr" war das Thema eines Vertrages, den der Kommandeur der Panzerbrigade 14 in Stadt Allendorf, Brigadegeneral Gertmann Sude aus Dorfitter, am Donnerstag an der Alten Landesschule Korbach hielt. General Sude referierte im Rahmen der ALS-Akademie als "Ehemaliger", der 1968, noch an der alten Alten Landesschule, sein Abitur "baute", um danach Soldat zu werden.

 

Im Rückblick auf die 55 Jahre seiner Dienstzeit wurde der enorme Wandel der sicherheitspolitischen Lage in Europa wieder deutlich:

1968 erschien die Teilung Deutschlands und Europas unverrückbar fest. Das nukleare Gleichgewicht des Schreckens sicherte einen prekären Frieden. Auf Seiten des Warschauer Paktes standen 15.ooo Panzer, die im Kriegsfall bei gleichzeitigem Einsatz von Nuklearwaffen über das Ruhrgebiet und den Rhein zur Atlantikküste vorstoßen sollten. Dementsprechend waren die Divisionen der Bundeswehr hinsichtlich ihrer Ausbildung und Ausrüstung auf Panzerschlachten eingestellt.

 

In der gleichen Zeit, 1968, kam in den westlichen Gesellschaften Unruhe auf: in Anknüpfung an den Vietnamkrieg entstand eine antiamerikanische und zunehmend linksradikale Bewegung, die in den 70er Jahren in die terroristische RAF mündete. In der Bundeswehr schlug sich diese Stimmung im Ansteigen der Zahlen der Wehrdienstverweigerer nieder und auch, beispielsweise, in skurrilen Haarmoden, worauf die Oberste Führung mit der Ausgabe von Haarnetzen reagierte.

 

In den 70er Jahren entkrampfte sich zunächst das weltpolitische Klima: neben die Hochrüstung trat als 5. Säule der Sicherheitspolitik die Entspannungspolitik. Die praktische Konsequenz waren vertrauensbildende Maßnahmen wie z.B. der Austausch von Manöverbeobachtern. In der Bundeswehr wurde die Offizierausbildung reformiert durch Ein- führung des Pflichtstudiums, die Wehrdienstdauer auf 15 Monate gekürzt und die Anrede der Untergebenen geändert. Seither gibt es nur noch "Herren", keine Knechte mehr, um Dolf Sternberger zu zitieren.

 

Neue Waffensysteme wurden in die Truppe eingeführt: der Schützenpanzer Marder, der Jagdbomber Phantom und das Transportflugzeug Transall, alte Kameraden, die auch heute noch fahren und fliegen(sofern sie das noch können).

Ende der 70er Jahre drohte die so hoffnungsvoll begonnene Entspannungspolitik zu scheitern: wie schon 1962 in Kuba, stellte die Sowjetunion zahlreiche neue Mittelstreckenraketen auf. Die Rote Armee marschierte in Afghanistan ein. Das erwies sich als folgenschwerer Fehlschlag: der Westen reagierte trotz aller inneren Widerstände mit nuklearer Nachrüstung, und die Rote Armee erlebte in Afghanistan ein Debakel. Die UdSSR hatte damit den Kulminationspunkt ihrer Expansion überschritten - ein Problem aller expandierenden Großmächte wie z.B. des antiken Römischen Reiches, aber auch heute der USA.

 

Die 80er Jahre brachten umwälzende Entwicklungen. Unter Reagans Präsidentschaft erstarkte der Westen wieder, und in der Sowjetunion führte Gorbatschows Versuch, das erstarrte kommunistische System zu reformieren, zu dessen Zusammenbruch und zum Auseinanderbrechen des Sowjetimperiums. Reagans vielbelächelter Appell: Herr Gorbatschow, reißen Sie die Mauer ein! fand im November 1989 seine von kaum jemandem noch für möglich gehaltene Erfüllung.

 

Mit der Überwindung der Teilung Deutschlands und Europas veränderte sich die sicherheitspolitische Landschaft radikal: die Truppenstärken wurden drastisch reduziert (bei der Bundeswehr von 495.000 auf demnächst 25o.ooo Soldaten), alle nuklearen Planungen außer Kraft gesetzt, und an die Stelle der früheren Konfrontation trat jetzt die Zusammenarbeit deutscher Soldaten mit einstigen Gegnern, z.B. der polnischen Armee. Der Auftrag der Bundeswehr hat sich grundlegend gewandelt: mit dem Wegfall der Bedrohung durch konventionelle Streitkräfte ist auch die Aufgabe der Landesverteidigung zugunsten eines neuen Auftrages, der Teilnahme an friedenserhaltenden und friedenschaffenden Einsätzen weltweit, entfallen. Gleichzeitig ist mit dem Terrorismus eine neue Bedrohung aufgekommen, wobei noch offen ist, wie hierauf militärisch reagiert werden kann. Das alles greift tief in die Struktur der Bundeswehr ein. Die Truppe wird nicht mehr für Panzerschlachten ausgebildet. Stattdessen werden jetzt hochbewegliche Spezialkräfte wichtig. Auslandseinsätze gehören heute zum Alltag der Bundeswehr, über 120.000 Soldaten sind in den letzten l0 Jahren im Auslandseinsatz gewesen. Diese Einsätze sind nicht nur mit Gefahren, sondern auch mit erheblichen Belastungen für die Soldatenfamilien verbunden. Umso wichtiger sei es, so General Sude, daß sich die Soldaten dabei von einer breiten parlamentarischen Mehrheit und der Zustimmung der Bevölkerung getragen wüßten.

 

Bei allem Wandel aber bleibe der Beruf des Offiziers unverändert mit der Trias von geistiger Plattform, d.h. der Treue zur Verfassung, dem Einstehen für den militärischen Auftrag und der klassischen Aufgabe der Führung, Erziehung und Ausbildung der untergebenen Soldaten. Zur umstrittenen Wehrpflicht sagte der General, sie sei auch heute noch sinnvoll, da ein großer Teil der Zeit- und Berufssoldaten aus den Reihen der Wehrpflichtigen komme. Für Auslandseinsätze sei freilich eine bestimmte Ausbildungshöhe erforderlich, die aber bei längerdienenden Wehrpflichtigen ohne weiteres erreicht werden könne.

 

55 Jahre Geschichte im Zeitraffer! General Sude entwarf das Bild einer bewegten Zeit für Deutschland und seine Streitkräfte, einer Zeit voller Gefahren und Herausforderungen, aber auch voller Chancen. Der Zeitgenosse kann seinem Urteil, die Geschichte habe es gut mit uns gemeint, nur beipflichten. Möge es so bleiben!

 

Wolfgang Behringer