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Dr. Dorothea Weltecke referierte am 26.02.2003 über:

 

Orientalische Christen im Mittlealter

 

Dr. Dorothea WelteckeDie Historikerin Dr. Dorothea Weltecke, die bereits im "Klosterglöckchen" vom August 2002 anlässlich ihrer Auszeichnung mit dem Ernst-Reuter-Preis vorgestellt wurde, berichtete am 26.2.2003 im Rahmen der ALS-Akademie über syrische Christen im Mittelalter, das Thema ihrer Dissertation. Sie eröffnete damit ihren Zuhörern einen spannenden Einblick in ihr Forschungsgebiet.
Die Beschäftigung mit einem solchen Thema war für sie zunächst keineswegs naheliegend, denn die Geschichte der orientalischen Christen spielte bisher im Rahmen ihrer Studienfächer, der Geschichte und der Semitistik, so gut wie keine Rolle. Es gibt allerdings einen Zeitraum, in dem die Geschichtswissenschaft sich traditionellerweise auch für den Orient interessiert, die Epoche der Kreuzzüge. Welteckes Arbeitsgebiet betrifft diese Zeit.
Erhebliche Anstrengungen waren nötig, die sprachlichen Voraussetzungen für die Bewältigung des Themas zu schaffen. So war die syrisch-aramäische Sprache zu erlernen. Das führte Dorothea Weltecke sogar dazu, am Sprachunterricht der syrisch-orthodoxen Schule in Berlin teilzunehmen, wo sie mit den Kindern deren Muttersprache studiert.
Die Geschichte und die Kultur der syrisch-orientalischen Christen ist, wie Weltecke betonte, in Vergessenheit geraten, das hängt vor allem auch damit zusammen, dass ihre Welt weitgehend unter-gegangen ist. Die antike Metropole Antiochia, Ausgangsort und ursprüngliches Zentrum der syrischen Christen, existiert nicht mehr, Gebäude, Bücher oder andere sichtbare Zeugnisse sind bis auf geringe Reste vernichtet. Es gibt nur noch eine unscharfe Erinnerung an die "goldene Zeit" dieser Kultur. Aber bis heute sind Menschen, die dieser christlichen Minderheit angehören, durch ihre Erzählungen, Gebräuche, auch durch ihre Musik Träger der Tradition. Weltecke hat solche Menschen u.a. in der syrisch-orthodoxen Gemeinde in Berlin kennen gelernt.
Wer sind nun diese Syrer, die wir weitgehend vergessen haben, deren Weisheit aber im Mittelalter sprichwörtlich war?
Sie lebten und leben im vorderasiatischen Raum (im Gebiet der heutigen Staaten Syrien, Irak, Libanon, Israel und Iran) und jetzt in der Diaspora in Europa, USA und anderen Gegenden der Welt. Ethnisch, sprachlich und religiös gehören sie zusammen, bilden bzw. bildeten aber keine staatliche Einheit. Sie bewahrten das wissenschaftliche Erbe der Antike, indem sie die griechischen Schriften ins Syrische übersetzten, und waren die Lehrmeister ihrer kulturell unterlegenen muslimischen Er-oberer. Orientalische Christen sind bis in die heutige Zeit hinein – so hat Weltecke sie erlebt – multilingual und in mehreren Kulturen beheimatet.
Diese orientalischen Christen gerieten im Zeitalter der Kreuzzüge zwischen die Fronten: Sie gehörten wie die Muslime zu den Eroberten, teilten aber mit den Eroberern die christliche Religion.
In dieser Krisenzeit schrieb der Patriarch Michael I (1126-1199) sein Geschichtswerk, die "Beschreibung der Zeiten", mit dem sich Dorothea Weltecke im Rahmen ihrer Dissertation beschäftigt hat. Er erzählt darin die Geschichte der Welt, und zwar in einer vergleichenden Darstellung, die in ihrem wissenschaftlichen und methodischen Vorgehen westlicher Geschichtsschreibung dieser Zeit weit überlegen ist und erstaunlich modern wirkt, wie Weltecke betont. Dabei war Michael kein Wissenschaftler, sondern Kirchenführer, Patriarch, der sein Material u.a. auf seinen zahlreichen Reisen im Dienst seiner Kirche beschaffte.
Eine besondere Perspektive zeichnet seine Geschichtsschreibung aus: Im Gegensatz zur gewohnten Geschichtsschreibung wählt er die Sicht der Besiegten, nicht die der Sieger. Es geht ihm darüber hinaus um die Identität seiner Gemeinschaft. Deshalb stellt er eine Verbindung zu den alten Reichen der Syrer und Babylonier her und will damit sagen: Auch wir hatten Staaten und Herrscher. Deshalb zeigt er die kirchliche Konstante im Wandel der Zeiten auf. Die Tradition seiner Kirche reicht bis auf Petrus und damit auf die Ursprungszeit des Christentums zurück.

Ingrid Ochs