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Dr. Eberhard Stock referierte am 13.09.2001 über:

 

Wer ist der Mensch? Christliches Menschenbild und Bioethik

 

Vita:

 

Dr. Eberhard Stock, Jahrgang 1953, Abitur 1972, Promotion 1986, Lehraufträge an der Philipps-Universität, Vorsitzender der Theologischen Kammer der Evangelischen Kirche von Kurhessen Waldeck, Veröffentlichungen zur Gentechnik, Bioethik und Organtransplantation, vorher Leiter des Ausbildungsseminars für Pfarrer in Hofgeismar und heute Dezernent im Landeskirchenamt in Kassel - er kam nach Korbach und sprach und diskutierte zum Thema “Wer ist Mensch? Christli­ches Men­schenbild und Bioethik.”

Die Alte Landesschule hatte zum zweiten Mal gemeinsam mit dem Verein ehemaliger Korbacher Gymnasiasten zur ALS-Akademie eingeladen. Dr. Stock kam als ehemaliger Schüler gern an seine alte Schule, um aus seinem Fachgebiet zu berichten, und konnte dabei nicht nur ehemalige Klas­sen­kameraden und einige seiner ehemaligen Lehrer begrüßen, sondern auch andere aktive und ehemalige ALS-Kollegen, Oberstufenschüler, Studenten und ehemalige ALS-Schüler unterschied­lichster Al­tersgruppen.

Eingangs bat Robert Gassner, Vorsitzender des Ehemaligenvereins und stellvertretender Schulleiter, die Anwesenden zu einer Schweigeminute im Gedenken an die Opfer der Unmenschlichkeit in New York. Nicht nur dieses aktuelle und zutiefst erschütternde Ereignis werfe die Frage nach dem Men­schenbild derer auf, die so handelten. Nach dem Menschenbild müsse stets dort gefragt wer­den, wo Menschen in ihrem Menschsein betroffen sind, also auch im Bereich der Gentechno­logie.

Dr. Stock verdeutlichte, dass die moderne Gentechnik eine qualitativ neue Dimension menschli­chen Handelns eröffnet habe, da hiermit erstmals der Mensch selbst zum Manipulationsob­jekt geworden sei. Die deswegen dringend nötige ethische Begründung von Handlungsalternativen sei in der heuti­gen pluralistischen Gesellschaft jedoch nur in einer Vielzahl miteinander nicht verein­barer Antwor­ten zu finden. So sei eine öffentliche Diskussion von Nöten, die bei den Grundlagen der jeweiligen Positionen ansetze, insbesondere beim Menschenbild. Ansonsten würden letztlich nicht-ethische, je­denfalls nicht bewusst und öffentlich diskutierte Denkvoraussetzungen ethische Ent­scheidungen steuern.

Christlicherseits sei dem Menschen eine kategorische Würde zugesprochen, die in keiner Weise ver­handelbar sei, da sie dem Menschen durch seine Beziehung zu Gott zukomme. Sie sei deswe­gen auch nicht von irgendwelchen Fähigkeiten oder Leistungen abhängig.

Die Schlussthese des Referenten: “Beginnend mit der Verschmelzung von Eizelle und Samenzelle entwickelt sich der Embryo nicht zum Menschen, sondern als Mensch. Deshalb kann keine Handlungsweise ethisch gerechtfertigt werden, die ein menschliches Individuum allein und ausschließlich als Mittel zu einem Zweck behandelt, und mit Blick auf diese Zweck-Mittel-Relation das Lebensrecht dieses menschlichen Individuums zur Disposition stellt.”

Dr. Stock nannte drei ethische Fall-Gruppen: 1. ethisch zu rechtfertigen oder sogar geboten seien Medikamentenherstellung und somatische Gentherapie. 2. ethisch problematisch sieht er Keim­bahntherapie und gezielte Produktion von Menschen mit bestimmten Merkmalen. 3. für ethisch aus­geschlossen hält er es, Menschen um anderer Zwecke wegen zu töten, wie es bei der verbrau­chen­den Embryonenforschung oder der Präimplantationsdiagnistik der Fall ist.

In der sich anschließenden, von Schulleiter Karl-Heiz Keudel geleiteten Diskussion, die sich vor­nehmlich zwischen den Teilnehmern abspielte, ging es um Fragen des Beginns individuellen mensch­lichen Lebens und darum, wie Nichtchri­sten überzeugt werden könnten.

 

Herr Dr. Stock verteilte nach seinem Vortrag folgendes Thesenpapier:
 

Thesen zum Vortrag in der ALS-Akademie am 13.9.2001:

 

Dr. Eberhard Stock

 

Bioethik und christliches Menschenbild

 

1.  Viele Bereiche, die bisher durch menschliches Handeln nicht verändert werden konnten, sondern diesem als Bedingungen vorauslagen, werden heute selbst Ge­genstand von Handeln.

 

2.  Die moderne Gentechnik verändert diese Situation nicht nur quantitativ, sondern qualitativ, insofern sie das handelnde Subjekt selbst in seiner leiblichen Verfasstheit zum Objekt technischen Handelns macht.

 

3.  Dieser enormen Erweiterung von Handlungsmöglichkeiten korrespondiert ein stei­gender „Bedarf“ an Ethik.

 

4.  Der zunehmende Notwendigkeit der ethischen Begründung von Handlungsalterna­tiven trifft in der gegenwärtigen Gesellschaft jedoch auf eine Pluralisierung von Wirklichkeitsverständnissen, die häufig zu konkurrierenden ethischen Entschei­dungen führt.

 

5.  Sollen bestimmte Positionen nicht einfach mit Hilfe von Macht durchgesetzt werden, so muss ein ethischer Diskurs geführt werden, in dem alle am Diskurs Beteiligten bereit sind, das jeweilige Verständnis der Wirklichkeit und insbesondere das Ver­ständnis vom Menschen offen zu legen. Erst mit der Einsicht in diese  Vorausset­zungen werden die Implikationen der jeweiligen ethischer Urteile abschätzbar.

 

6.  Exemplarisch wird am Verständnis des Menschen deutlich, wie im Bezug auf die Bestimmung des Anfangs und des Endes menschlichen Lebens nicht - ethi­sche Prämissen ethische Entscheidungen steuern.

 

7.  In einer christlichen Sicht wird der Mensch als  Geschöpf, näherhin als Person, in einem spezifischen Sinne bestimmt. Mit der Gottesrelation wird dem Menschen eine spezifische Würde zugesprochen, die kategorisch gilt und die weder durch Macht noch durch Übereinkunft von Menschen aberkannt werden kann. 

 

8.  Diese Würde hängt nicht von Fähigkeiten oder Leistungen ab, sondern ist von Be­ginn des individuellen Menschseins gegeben.

 

9.  Beginnend mit der Verschmelzung von Eizelle und Samenzelle entwickelt sich der Embryo nicht zum Menschen, sondern als Mensch. Deshalb kann keine Hand­lungsweise ethisch gerechtfertigt werden, die ein menschliches Individuum allein und ausschließlich als Mittel zu einem Zweck behandelt, und mit Blick auf diese Zweck-Mittel-Relation das Lebensrecht dieses menschlichen Individuums zur Dis­position stellt.