42. ALS-Akademie PDF Drucken E-Mail

Prof. Dr. Friedhelm Rost referierte am 27.02.2013 über:

 

Das Bundesarbeitsgericht und die Arbeitsgerichtsbarkeit in Deutschland

 

Prof. Dr. Friedhelm Rost

 

„Macht Euch nicht so viele Sorgen über die eigene Lebensplanung. Aufgrund meiner eigenen Erfahrung kann ich Euch sagen: Das ganze Leben besteht aus Zufällen“, ermunterte Prof. Friedhelm Rost die Schüler der Alten Landesschule. Eingeladen von Lehrer Johannes Grötecke, sprach Rost vor Politik-Kursen der Oberstufe (Q 2) im Rahmen der Reihe „ALS-Akademie“. Neben Glück benötige man freilich auch noch gute Sprachkenntnisse, die Fähigkeit zum logischen Denken, gute Menschenkenntnis und Spaß am Rechtswesen. „Lasst Euch nicht abschrecken von juristischen Fachtexten und durchschnittlichen Noten während des Studiums. Denn in Wahrheit gibt es kein akademisches Fach, das so nah am wirklichen Leben ist“, warb der 68-Jährige für seine Profession.

Seine Überzeugung belegte Rost mit vielen Beispielen. Etwa 500.000 Klagen erreichen die deutschen Arbeitsgerichte jedes Jahr. Typische Beispiele schilderte der Referent: Ist eine Lehrerin noch tragbar, wenn sie laute Schüler durch das Zukleben des Mundes „ruhigstellt“? Darf einem Arzt, der in einem Krankenhaus in christlicher Trägerschaft arbeitet, gekündigt werden, weil er sich scheiden lässt und ein zweites Mal heiratet? Darf man einem Bewerber eine Arbeitsstelle verwehren, weil er dafür angeblich zu alt ist? Muß man beim Einstellungsgespräch auf die Frage nach einer möglichen Schwangerschaft antworten?

Viele solcher Streitfälle werden in so genannten Güteverhandlungen unter Beteiligung von ehrenamtlichen Richtern geklärt. „Die allermeisten Verfahren enden mit Vergleichen, daher gibt es relativ wenig Urteilssprüche“, so Rost. Das sei eine Stärke der Arbeitsgerichte, denn durch diesen Ausgleich der Interessen könnten beide Seiten ihren Streit in beiderseitigem Einvernehmen beilegen.

Auch wenn das europäische Recht- vertreten durch den Europäischen Gerichtshof in Luxemburg und den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg- immer wichtiger werde, sei so manches im Berufsalltag des Arbeitsrichters gleich geblieben - etwa die Kleidung, bestehend aus Robe, dem weißen Hemd und dem Binder. Einen gewissen Knigge erwarte man auch von den Verfahrensbeteiligten. Allerdings könne es auch begründete Ausnahmen geben, etwa wenn ein Arbeitnehmer gerade von der Schicht komme und daher im Blaumann vor Gericht erscheine.

Die Schüler fragten den prominenten Experten abschließend nach den beruflichen Möglichkeiten. „Wenn man sich für das Rechtswesen interessiert, kommt man auch unter, etwa als Richter, Staats- oder Rechtsanwalt und in der freien Wirtschaft. Man muß nur zum rechten Zeitpunkt am rechten Ort sein“, brachte Rost seine Devise auf den Punkt. Eingeladen hatte ihn Johannes Grötecke, Lehrer an der ALS.

Zur Person:

Friedhelm Rost wurde 1944 geboren und wuchs in Diemelsee-Wirmighausen auf. 1963 bestand er sein Abitur an der Alten Landesschule in Korbach und studierte Jura an den Universitäten in Marburg und Göttingen. Bis 2009 arbeitete er -zuletzt als vorsitzender Richter- am Bundesarbeitsgericht, zunächst in Kassel, später in Erfurt. Noch immer lehrt er als Honorarprofessor an der Philipps-Universität in Marburg.

Johannes Grötecke